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In einem kleinen Dorf im Bayerischen Wald lebte einst ein
alter Mann, der durch seinen Humor und seine Natürlichkeit
Menschen bei der Bewältigung ihrer kleinen oder großen
Probleme half. So sagte man...
Eines Tages besuchte ihn eine hübsche, junge Psychologiestudentin,
weil sie endlich erfahren wollte, mit welchen Techniken
der alte Mann die Probleme der Menschen beseitigte. Nach
einer kurzen Begrüßung kam die Studentin gleich
direkt zum Hauptthema. Mit wohlgesetzten Worten fragte sie
den alten Mann: "Na, mit welcher Methode arbeiten sie
denn, wenn es darum geht, Probleme bei hilfesuchenden Menschen
zu lösen? Bestimmt wenden sie dabei ein anerkanntes
Verfahren an, weil es sonst ja nicht möglich wäre,
diese Erfolge zu erzielen. Als Studentin der Psychologie
bin ich brennend daran interessiert, diese Methode zu erfahren
und unter Umständen selbst später mal anzuwenden."
Der alte Mann überlegte, lächelte und fragte
zurück: "Was ist aus deiner Sicht meine Methode,
um Menschen helfen zu können?" Verdutzt reagierte
die Studentin und antwortete: "Tja, das möchte
ich ja gerade von ihnen selbst erfahren." Stille kehrte
ein. Keiner gab einen Ton von sich. Der alte Mann stand
auf, blickte durch das Fenster auf das freie Feld hinaus,
schmunzelte und kehrte nach einigen Augenblicken wieder
zu seinem angstammten Platz in der Nähe des Kamins
zurück. Er stopfte seine Pfeife und rauchte ruhig vor
sich hin.
Die Studentin hatte sich vorgenommen, vorläufig nichts
mehr zu sagen. Sie wollte warten, bis der alte Mann wieder
das Wort an sie richtete. Dieser schien aber überhaupt
nicht daran zu denken, irgendetwas zu sagen. So verbrachten
sie also fast eine ganze Stunde, bis es der Studentin doch
zu langweilig wurde. Sie erhob sich von ihrem Platz und
ging zur Tür, um vielleicht durch diese Aktion den
alten Mann zu einer Äußerung zu veranlassen.
Aber auch jetzt sagte er nichts. Er sagte nicht einmal einen
Abschiedsgruß, als sie die Tür öffnete und
nach draußen ging. Innerlich leicht verärgert,
stapfte sie in den Schnee vor dem Haus und blickte nach
wenigen Schritten zurück. Da sah sie in einem der Fenster
das Gesicht des alten Mannes, der ihr zulächelte. Verdutzt
blieb sie stehen. Was soll das wohl bedeuten, dachte sie
innerlich. Sie wollte sich gerade wieder umdrehen, als der
alte Mann ihr mit dem rechten kleinen Finger winkte und
ihr bedeutete, sie möge doch wieder zurück kommen.
Kurz entschlossen kehrte die Studentin also um, trat wieder
in das Zimmer und sagte: "Na endlich, ich dachte schon,
wir gehen ohne Worte auseinander." Der alte Mann lächelte
verschmitzt - so wie es im Bayerischen Wald halt oft anzutreffen
ist - und sagte: "Du hast so laut gesprochen, dass
ich keine Chance hatte, dir etwas zu erwidern, geschweige
denn, dir eine vernünftige Antwort zu geben."
"Jetzt reicht es aber", antwortete das Mädchen
und fuhr fort: "Zuerst stundenlang nichts sagen und
dann noch behaupten, ich hätte ständig gequasselt."
Trotzig setzte sie sich auf einen Stuhl neben dem Kaminfeuer
und wollte damit demonstrieren, dass sie die Aussage des
alten Mannes als Beleidigung empfindet.
Der alte Mann musste wiederum schmunzeln; aber irgendwie
gefiel ihm das Mädchen, hatte sie doch eine gewisse Ähnlichkeit
mit einer seiner früheren Freundinnen. Zugegebenermaßen
war sie ja auch wirklich sehr hübsch und attraktiv.
Aber all dies sollte ihn nicht davon ablenken, ihr in Form
einer Lektion den akademischen Alleinvertretungsanspruch
ein bisschen auszutreiben. Er hatte da so eine Idee...
Als erstes schenkte er der Studentin ein Glas echten Bärwurz
ein. Sich selbst natürlich auch. Dann sagte er: "Also,
dann trinken wir erst einmal auf unsere Gesundheit!"
Beide erhoben das Glas und tranken in einem Zuge den Inhalt
aus. "Oh, was ist das für ein Gebräu", rief
die Studentin und hatte sichtlich Atemnot. So ein grausiges
Getränk hatte sie noch niemals zuvor getrunken. Erst
nach einer Weile konnte sie wieder normal atmen. Der alte
Mann lächelte und befand: "Ja, ja, schlaue Fragen
stellen, aber keinen Bärwurz vertragen!"
Gerade wollte das Mädchen aufbrausen, als ihr der
Alte zuvorkam und sagte: "Schau, meine Methode ist
keine Methode, die du in der Wissenschaft findest. Aus deiner
Sicht ist sie schon deswegen keine Methode, da kein Wissenschaftler
damit etwas anfangen kann. Allerdings habe ich damit schon
vielen Menschen geholfen. Wenn dies nicht der Fall wäre,
hättest du gewiss nicht den Weg zu mir gefunden."
Er machte eine kleine Pause, schaute dem Mädchen in
ihre blauen Augen und fuhr fort: "Wie heißt du
eigentlich mit Vornamen?" "Eva", antwortete
die Studentin. Nach ein paar Sekunden ergänzte sie
und sagte: "Genauer gesagt, heiße ich Eva Schlau."
Da sagte der alte Mann: "Schau, Eva. Das einzige Mittel,
mit dem ich Menschen helfe, ist, den Menschen ihren Humor
und ihre Lebensfreude zurückzugeben. Und dies geht
ganz einfach. Ich lasse sie ein paar Tage bei mir, spreche
wenig bis gar nichts mit ihnen, zeige ihnen die Natur -
und nach ein paar Tagen kehren sie mit neuer Lebenslust
in ihren Alltag zurück. Am meisten lernen sie dabei,
endlich zügig Entscheidungen zu treffen und dafür
auch selbst einzutreten. Sie verlassen sich dann zukünftig
nur noch auf sich selbst und auf unseren Herrgott. Dies
kannst auch du sehr schnell lernen und weitergeben."
Wie spätere Chroniken berichten, verließ nach
einigen Tagen die Studentin den alten Mann und wurde in
den darauf folgenden Jahren eine weltberühmte Psychologin,
bei der die Patienten in erster Linie das Lachen lernten,
weil sie ihr Leben selbst aktiv gestalteten. - Noch oft
dachte sie an das Zusammentreffen im "Wald" bei
dem alten Mann, der ihr mit wenigen Worten beibrachte, worum
es im Leben wirklich geht: ENTSCHEIDEN!
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Gruber, 12/2001, Erkheim
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